Ich fühle mich wohl hier – mein Fazit des ersten Monats. Hätte ich vor einem Monat gewusst, was mich hier erwartet, so hätte ich mich sicher nicht auf das Leben gefreut. Denke ich darüber nach, wie schwierig und unangenehm einige Lebensbedingungen doch sind, so frage ich mich manchmal, auf was ich mich noch alles einstellen könnte.
Sei es die fehlende Waschmaschine und der damit verbundene Zwang zur Handwäsche (15 Unterhosen + ca. 30 Socken = 2,5 Stunden + 3 Tage trocknen), die ständig zugeschissenen Toiletten und das fehlende Warmwasser in der Dusche (bei meiner derzeitigen Erkältung gaaaaanz böse) oder die katastrophale Verkehrssituation zwischen Universität und Wohnheim zur Rushhour – zieht die Laune alles doch stark runter. Man sagt oft: „Man gewöhnt sich an alles.“ Wer auch immer dieser „man“ sein mag, ich bin es wahrscheinlich nicht. Das Wasser im Bad ist zwar subjektiv nicht mehr ganz so dreckig braun wie am Anfang und man lernt auch die typisch deutsche Ungeduld im Zaum zu halten. Aber an alles gewöhnen … ? Einiges fehlt dann doch. Z.B. Internet … oder generell: Medien. Man möchte wissen, was in der Welt passiert und auch mal Kontakt mit anderen Menschen zuhause oder in der Welt aufnehmen. Die ranzigen PCs in der Uni reichen dafür nicht aus.
Tatsache ist, dass die Lebensqualität hier für uns niedriger ist als wir es gewohnt sind. Gerade in den ersten Tagen haben Rico und ich ziemlich viel gemotzt und immer wieder Gründe gefunden, einen Vergleich zu Deutschland zu ziehen. Es hilft aber alles nichts! Hier entwickelt man eine neue Philosophie und das ist auch gut so. So lachen wir heute eher über viele Unannehmlichkeiten als uns, typisch deutsch, stundenlang zu ärgern. Zwei Dinge lernt man hier als Ausländer ganz sicher: Erstens, sich nicht über Dinge aufzuregen, die man nicht ändern kann und zweitens, selbst Dinge zu ändern sofern es möglich ist.
Ständig wird dein Essen aus dem Kühlschrank geklaut? Kauf dir einen eigenen! Ist kein Internet im Wohnheim installiert? Lass dir eine eigene Leitung legen (was jetzt leider schon ueber zwei Wochen dauert)! Ist der Weg zur Uni beschwerlich verstopft? Lauf durch Seitenstraßen! Du findest keine Nachtruhe? Mit Ohropax und Augenmaske tust du es! Handwäsche ist ätzend langwierig? Such so lange, bis du einen günstigen Waschsalon findest (ca. 10 Euro/Wäsche)! Das Wohnheim schließt schon um 12? Mach durch bis 6! Ständig sind die Klos schmutzig? Trainiere deine Oberschenkel! Du weißt nicht wie du ein Mädel am besten ansprichst? Geh hin und sag, du kommst aus Deutschland!
Und wenn man dann einmal gelernt hat, mit den Unterschieden zu leben oder sie zu gestalten, dann fängt man an, es hier echt gut zu finden. Mehr noch: ich könnte mir vorstellen, nach dem Studium hier eine zeitlang zu leben, Internet und sauberes Badezimmer vorausgesetzt. J Das Land kann was. Vor allem seine Besucher willkommen heißen. Einem Fremden fällt auf den Straßen der sehr unfreundliche Umgang direkt auf. Man könnte meinen, alle hätten schlechte Laune oder würden einen missbilligen. Die Tür wird nicht aufgehalten, ältere Leute bekommen im Bus keinen Sitzplatz angeboten und gedrängelt wird sowieso überall. Aber lernt man eine Person dann besser kennen, wo auch immer, so ist sie einem stets freundlich gesinnt, manchmal ist es sogar unangenehm, soviel Gastfreundschaft zu empfangen. Jedenfalls habe ich bisher fast nur positive Erfahrungen gemacht, angenehm sind vor allem die Bemühungen der Einheimischen, einen „njemez“ (Deutschen) zu integrieren. Alleine deswegen fühlt man sich bereits wohl. Und was andere Dinge angeht… da sind Russen einfach unterschiedlich. Beispiele:
Fernlicht ausschalten? Wozu, ICH kann doch gut sehen. Das seltsam qualmende Loch im Buergersteig neben unserem Wohnheim ordentlich reparieren? Wozu, Erde drauf reicht doch. Die laufenden (nicht tropfenden!) Wasserhaehne reparieren? Wozu, das Becken faengt es doch auf. Sich an die erlaubte Hoechstgeschwindigkeit von 60km/h innerorts zumindest grob halten? Wozu, mit 100km/h komm ich doch schneller voran. Den Kuehler des Autos reparieren? Wozu, klemm eine leere Plastikfalsche rein, damit er mehr Luft bekommt - reicht.
Ein Leser dieses Artikels könnte den Eindruck haben, das Leben hier sei anspruchsloser als das in Europa. Das ist es definitiv nicht – unser Wohnheim ist auch nicht repräsentativ für die durchschnittlichen Lebensumstände, die man hier anstrebt. Natürlich prägen Plattenbauten viele Wohnviertel. Typisch Russisch ist dabei jedoch auch, die eigene Wohnung im Inneren überaus angenehm und komfortabel einzurichten. Im Verlauf eines Dates letzte Woche habe ich dann auch mal eine normale russische Wohnung gesehen und habe eigentlich keinen Unterschied zu einer Behausung in Westeuropa festgestellt. Und da waren sogar eine Waschmaschine und ein sauberes Klo – da strengt man sich doch direkt mehr an ;)
Die Bilder zeigen (von links nach rechts, oben nach unten - Draufklicken zum Vergroessern)
1. Ikea Einkauf / 2. Blick auf eine zentrale Kreuzung aus dem Unigebaeude heraus / 3. Uliza Lenina (Leninstrasse) bei Nacht / 4. Ausritt / 5. Sergej (MA aus der Uni - cooler Typ), Rico (der Deutsche aus Berlin - dito), Irina (hat in Bruehl ein Semester verbracht) und ich / 6. Britta und ich in einer Hoehle / 7. Der erste Blini-Versuch -> gescheitert / 8. Handwaesche / 9. Jaegermeisterpromotion im Club "Tusch" / 10. Kochen in der Gemeinschaftskueche / 11. Britta, die Landesverraeterin ;) / 12. Unser Zimmer / 13. Auslaeufer des Uralgebirges / 14. Unigebaeude von aussen / 15. An der eurasischen Grenze (links Asien, rechts Europa)


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