Seit meiner letzten Rückmeldung aus dem westsibirischen Tiefland sind schon wieder drei Wochen vergangen. Mittlerweile schreitet die Zeit hier entschieden zu schnell voran. Kann mir nicht vorstellen, hier so schnell wieder weg zu wollen – eine Erfahrung, um die ich sehr dankbar bin. Wäre doch schade, wenn ich das Ende hier herbeisehnen würde. Das wäre ja so, als wenn man seinen Urlaub beenden wollen würde :)
Warum Urlaub? Trotz des vielen Lernens und der blöden Hausaufgaben fühle ich mich wie im Urlaub. Schon deswegen, weil ich so viel unternehme und manchmal eine gewisse Ernsthaftigkeit fehlt. Ich sage stets, dass ich mir vorstellen kann, hierher (nach Russland) zurückzukehren. Im Hinterkopf weiß ich aber auch, dass ich frühestens Ende Dezember, spätestens Anfang Februar erstmal nach Deutschland zurückkehren werde.
Jekaterinburg ist immer noch täglich ein neues Abenteuer, Spontaneität bestimmt den Alltag. Eine umfassende Wochenplanung ist hier einfach unmöglich, es ändert sich ständig was. Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich hier ernsthaft Stress hätte und auf Verlässlichkeit von z.B. Pünktlichkeit, Öffnungszeiten, Versprechungen, Bankautomaten oder Öffentlichem Nahverkehr angewiesen wäre. Das verlass ich mich doch lieber auf die nächste Damenbekanntschaft, die klappt wenigstens garantiert. ;)
An Veränderungen hat man sich als Deutscher gewöhnt. So putze ich mir jetzt nicht mehr die Nase in der Vorlesung, „das macht man hier einfach nicht“, wie mir meine Sitznachbarin unter den vorwurfsvollen Blicken von 50 anderen Studenten mitteilte (man zieht lieber ständig die Nase hoch und rotzt dann auf die Straße – kein Scherz). Ich werde auch nie wieder ausreichend Taschentücher vergessen, denn Klopapier gibt es, außer in guten Restaurants, nie (!). Und dass man Frauen nicht die Hand gibt und meist nicht mal grüßt, selbst wenn sie in der gleichen Gruppe stehen, haben auch unsere Deutschen Mädels mittlerweile akzeptiert. Ein kleines Zucken verspüre ich aber immer noch in der Hand … während meine Hand durch eine Gruppe von Freunden wandert, die Frauen jedoch überspringt.
Und was bringt einem das Alles? Manchmal Ärger … aber dann: eine neue Sichtweise und andere Wertschätzung von Vielem, was man sonst als selbstverständlich ansieht. Ihr glaubt gar nicht, wie man sich freuen kann, wenn man mal endlich einen Zehnerpack Taschentücher findet (und nicht alle einzeln kaufen muss), die Dusche direkt warm wird ohne starke Schwankungen oder das Brot mal nicht nach 2 Tagen schimmelt. Zugegeben: alles Kleinigkeiten. Aber darum geht es nicht… im Auslandssemester geht es meiner Definition nach darum, sich selbst zu entwickeln und das Blickfeld zu erweitern. Rauszukommen aus dem Deutschen Tunnelblick nach Zielstrebigkeit, Organisation, Kontrolle und sozialer Sicherheit. Das Leben hier ist definitiv geprägt von mehr Egozentrik, was mich auch manchmal stört. Wichtig ist es aber insgesamt, zu erkennen, DASS es etwas anderes gibt und woher es kommt. DASS einem manches nicht so wichtig ist, wie man es annahm. DASS die Akzeptanz von Neuem zwar eine Herausforderung, aber auch einen Gewinn darstellt. Der Gewinn, eine Situation, einen Menschen, ein Land oder die Geschichte einer Kultur (wie hier in Russland die Sowjetzeit oder der Wandel nach Perestrojka) besser verstehen zu können. Gut, dass ich richtig entschieden habe und hierher gekommen bin.
За Россию! И за зарубежный семестр!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen