Dienstag, 29. September 2009

September

Ich fühle mich wohl hier – mein Fazit des ersten Monats. Hätte ich vor einem Monat gewusst, was mich hier erwartet, so hätte ich mich sicher nicht auf das Leben gefreut. Denke ich darüber nach, wie schwierig und unangenehm einige Lebensbedingungen doch sind, so frage ich mich manchmal, auf was ich mich noch alles einstellen könnte.

Sei es die fehlende Waschmaschine und der damit verbundene Zwang zur Handwäsche (15 Unterhosen + ca. 30 Socken = 2,5 Stunden + 3 Tage trocknen), die ständig zugeschissenen Toiletten und das fehlende Warmwasser in der Dusche (bei meiner derzeitigen Erkältung gaaaaanz böse) oder die katastrophale Verkehrssituation zwischen Universität und Wohnheim zur Rushhour – zieht die Laune alles doch stark runter. Man sagt oft: „Man gewöhnt sich an alles.“ Wer auch immer dieser „man“ sein mag, ich bin es wahrscheinlich nicht. Das Wasser im Bad ist zwar subjektiv nicht mehr ganz so dreckig braun wie am Anfang und man lernt auch die typisch deutsche Ungeduld im Zaum zu halten. Aber an alles gewöhnen … ? Einiges fehlt dann doch. Z.B. Internet … oder generell: Medien. Man möchte wissen, was in der Welt passiert und auch mal Kontakt mit anderen Menschen zuhause oder in der Welt aufnehmen. Die ranzigen PCs in der Uni reichen dafür nicht aus.

Tatsache ist, dass die Lebensqualität hier für uns niedriger ist als wir es gewohnt sind. Gerade in den ersten Tagen haben Rico und ich ziemlich viel gemotzt und immer wieder Gründe gefunden, einen Vergleich zu Deutschland zu ziehen. Es hilft aber alles nichts! Hier entwickelt man eine neue Philosophie und das ist auch gut so. So lachen wir heute eher über viele Unannehmlichkeiten als uns, typisch deutsch, stundenlang zu ärgern. Zwei Dinge lernt man hier als Ausländer ganz sicher: Erstens, sich nicht über Dinge aufzuregen, die man nicht ändern kann und zweitens, selbst Dinge zu ändern sofern es möglich ist.

Ständig wird dein Essen aus dem Kühlschrank geklaut? Kauf dir einen eigenen! Ist kein Internet im Wohnheim installiert? Lass dir eine eigene Leitung legen (was jetzt leider schon ueber zwei Wochen dauert)! Ist der Weg zur Uni beschwerlich verstopft? Lauf durch Seitenstraßen! Du findest keine Nachtruhe? Mit Ohropax und Augenmaske tust du es! Handwäsche ist ätzend langwierig? Such so lange, bis du einen günstigen Waschsalon findest (ca. 10 Euro/Wäsche)! Das Wohnheim schließt schon um 12? Mach durch bis 6! Ständig sind die Klos schmutzig? Trainiere deine Oberschenkel! Du weißt nicht wie du ein Mädel am besten ansprichst? Geh hin und sag, du kommst aus Deutschland!

Und wenn man dann einmal gelernt hat, mit den Unterschieden zu leben oder sie zu gestalten, dann fängt man an, es hier echt gut zu finden. Mehr noch: ich könnte mir vorstellen, nach dem Studium hier eine zeitlang zu leben, Internet und sauberes Badezimmer vorausgesetzt. J Das Land kann was. Vor allem seine Besucher willkommen heißen. Einem Fremden fällt auf den Straßen der sehr unfreundliche Umgang direkt auf. Man könnte meinen, alle hätten schlechte Laune oder würden einen missbilligen. Die Tür wird nicht aufgehalten, ältere Leute bekommen im Bus keinen Sitzplatz angeboten und gedrängelt wird sowieso überall. Aber lernt man eine Person dann besser kennen, wo auch immer, so ist sie einem stets freundlich gesinnt, manchmal ist es sogar unangenehm, soviel Gastfreundschaft zu empfangen. Jedenfalls habe ich bisher fast nur positive Erfahrungen gemacht, angenehm sind vor allem die Bemühungen der Einheimischen, einen „njemez“ (Deutschen) zu integrieren. Alleine deswegen fühlt man sich bereits wohl. Und was andere Dinge angeht… da sind Russen einfach unterschiedlich. Beispiele:

Fernlicht ausschalten? Wozu, ICH kann doch gut sehen. Das seltsam qualmende Loch im Buergersteig neben unserem Wohnheim ordentlich reparieren? Wozu, Erde drauf reicht doch. Die laufenden (nicht tropfenden!) Wasserhaehne reparieren? Wozu, das Becken faengt es doch auf. Sich an die erlaubte Hoechstgeschwindigkeit von 60km/h innerorts zumindest grob halten? Wozu, mit 100km/h komm ich doch schneller voran. Den Kuehler des Autos reparieren? Wozu, klemm eine leere Plastikfalsche rein, damit er mehr Luft bekommt - reicht.

Ein Leser dieses Artikels könnte den Eindruck haben, das Leben hier sei anspruchsloser als das in Europa. Das ist es definitiv nicht – unser Wohnheim ist auch nicht repräsentativ für die durchschnittlichen Lebensumstände, die man hier anstrebt. Natürlich prägen Plattenbauten viele Wohnviertel. Typisch Russisch ist dabei jedoch auch, die eigene Wohnung im Inneren überaus angenehm und komfortabel einzurichten. Im Verlauf eines Dates letzte Woche habe ich dann auch mal eine normale russische Wohnung gesehen und habe eigentlich keinen Unterschied zu einer Behausung in Westeuropa festgestellt. Und da waren sogar eine Waschmaschine und ein sauberes Klo – da strengt man sich doch direkt mehr an ;)

Die Bilder zeigen (von links nach rechts, oben nach unten - Draufklicken zum Vergroessern)

1. Ikea Einkauf / 2. Blick auf eine zentrale Kreuzung aus dem Unigebaeude heraus / 3. Uliza Lenina (Leninstrasse) bei Nacht / 4. Ausritt / 5. Sergej (MA aus der Uni - cooler Typ), Rico (der Deutsche aus Berlin - dito), Irina (hat in Bruehl ein Semester verbracht) und ich / 6. Britta und ich in einer Hoehle / 7. Der erste Blini-Versuch -> gescheitert / 8. Handwaesche / 9. Jaegermeisterpromotion im Club "Tusch" / 10. Kochen in der Gemeinschaftskueche / 11. Britta, die Landesverraeterin ;) / 12. Unser Zimmer / 13. Auslaeufer des Uralgebirges / 14. Unigebaeude von aussen / 15. An der eurasischen Grenze (links Asien, rechts Europa)









































































Donnerstag, 10. September 2009
























Die Bilder zeigen Eindruecke aus dem Wohnheim und der Stadt. Bisher habe ich leider nicht viel sehenswertes zu zeigen.

Die erste Woche war gestern vorbei und es kommt mir vor, als sei ich schon ewig hier. Mag an den vielen Eindrücken und Herausforderungen liegen, die einem hier so wiederfahren.

Zu meinem Leben hier:
Ich lebe in einem Studentenwohnheim, angeblich dem Besten in der Stadt. Es verfügt in meinem Gang über 40 Zimmer, die stets mit mindestens 5 Personen belegt sind, auch Achtbettzimmer habe ich schon gesehen. Diese haben die gleiche Größe wie das unsere, welches ich mit Rico, einem Deutschen aus Berlin, bewohne. An jedem Ende des Ganges gibt es ein „großes“ Badezimmer mit 3 Duschen und weiteren 4 Toiletten. Eigentlich ist dieses nach männlich-weiblich getrennt, darum schert sich aber keiner mehr, seit vor einigen Tagen im Männerbadezimmer das Wasser ausgefallen ist. Von daher hat sich auch an meiner hastig verfassten Stellungnahme von letzter Woche (s.u.) nicht viel geändert. Nach wie vor setzen mir die hygienischen Zustände zu, auch wenn man sich langsam damit abgefunden hat. Ähnliches gilt für meine Einschätzung der Gastfreundlichkeit hier – sowohl im Wohnheim als auch in der Uni fühlt man sich stets willkommen. Ständig wird man auf dem Gang angesprochen oder zu irgendwas eingeladen. So ist es alltäglich, sich auf dem Gang einzufinden und zu plaudern. Nach ein bis zwei Stunden mühseligem Russisch (unter gelegentlicher Zuhilfenahme des Englischen - wenn auch immer seltener J ) über Sport, Uni, Leben in Deutschland und Russland, usw. ist man jedoch geistig erstmal platt.

Zur Stadt:

Jekaterinburg hat etwa 1,5 Millionen Einwohner. Abgesehen vom Stadtkern habe ich bisher nicht viel gesehen, was sich wahrscheinlich an den nächsten Wochenenden ändern wird. Bis jetzt macht die Stadt einen netten Eindruck, ich hätte jedoch nicht gedacht, hier auf so viele westliche Elemente zu stoßen. Die gleiche Werbung, die gleichen Lebensmittel, die gleichen Autos, auch wenn importierte Lebensmittel sowie Autos teuer sind, auch teurer als in Deutschland. Was mich bisher nicht beeinträchtigt hat, jetzt aber langsam körperlich spürbar wird, ist die Luftverschmutzung einer typischen Industriestadt Russlands. Das Klima ist momentan NOCH aehnlich wie in Deutschland - Temperaturen um 25Grad und meist sonnig. Das wird sich jedoch in den naechsten Tagen aendern, man sagt, dass es ein strenger Winter werde.


Zum Studium:

In diesem Semester werde ich wahrscheinlich folgende Kurse besuchen:
Englisch (Yeah)

Weltwirtschaft

Internationale Transporte

Internationale Investitionen und Business Projekte

Management in russischen Märkten

Auch wenn die Uni aeusserlich einen bequemen Eindruck macht, so ist das Leben innerhalb wenig komfortabel. Wer hier 90 Minuten auf einer der durchloecherten Baenke gesessen hat, der weiss wiedermal unsere FH zu schaetzen (an diesem Punkt ein Gruss an alle lesenden Hochschulmitarbeiter, die sich jetzt sicher wieder mal in Ihrer Meinung, unsere Studenten seien zu anspruchsvoll bestaetigt sehen). Eine Vorlesung zu verstehen ist eine Herausforderung, die es auch noch lange bleiben wird. Gerade Fachvokabeln lassen das Verständnis immer wieder abbrechen, so dass das Wörterbuch der ständige Begleiter ist. Willkommene Abwechslung ist es dann, die Frauenquote des Kurses zu errechnen. Sie liegt in meinen Kursen bisher bei 5:1, campusweit bei 70:30!


Zu den Frauen:

Vor meiner Reise hierher konnte ich nie so recht glauben, wenn ich hörte, welch Paradies einen hier umgeben soll. Schnell stellte ich fest, dass alle Erzählenden Recht hatten, es ist schier unglaublich, was für eine Masse an schlanken, hübschen und (teilweise total übertrieben) aufgedonnerten Frauen hier rumläuft. Grund dafür muss wohl die erheblich niedrigere Lebenserwartung der Männer (Alkoholismus) und genetische Veranlagung sein, Männer sind in der Unterzahl und zwingen die Frauen damit zu einem Wettbewerb. Und das spürt man immer wieder: betritt man den Raum, so wird man unmittelbar gemustert, es wird getuschelt und gelächelt. In den Diskotheken ist die Aggressivität des schwachen Geschlechts (hier wohl eher das starke Geschlecht) unfassbar. Bevorteilend hinzukommen mag die Nationalität. Jedenfalls hingen mir die Frauen im Wohnheim an den Lippen, als sie in einem unserer Ganggespräche über meine Herkunft erfuhren.

Oberflächlich? Ja! Auch wenn es ganz nett ist, derart umworben zu werden, so kann es auf Dauer nicht über die Hintergründe und Motivationen einiger Damen hinweg täuschen.

Wer sich selbst ein Bild machen will, der kann mich gerne besuchen kommen. Direktflüge mit Lufthansa ab Frankfurt gibt es ab 385Euro, entsprechende Ausdauer bei der Visumsbeantragung vorausgesetzt. Habe mir jedoch sagen lassen, dass Reiseagenturen das wohl auch schnell und günstig übernehmen.

Internet könnte ich hier schon haben, habe es jedoch bisher bevorzugt, auf einen vernünftigen Flatrate-Highspeed Zugang zu warten. Ich hoffe, dass dies nicht mehr allzu lange dauert und ich auch hier im Wohnheim via Skype und ICQ erreichbar bin. Bis dahin kann ich nur mit meiner russischen Handynummer dienen:

Von Deutschland aus: +7 982 605 7682

Von Russland aus: 8982 605 7682 (hier ein Gruß an die Moskauer)

Wer mir eine SMS aus Deutschland eine SMS schreiben moechte, der kann das gerne versuchen, zurueckschreiben oder anrufen kann ich leider nicht.

Heute Abend wird wieder ein Club gerockt... wuenscht mir viel Spass... und Durchhaltevermoegen fuer die Vorlesung morgen frueh um Acht :(

Mittwoch, 2. September 2009

Heute Morgen heile angekommen, verbringe ich nun die letzten Minuten meines Tages im Internetcafe.
Die Reise war alles andere als angenehm, gepraegt von sehr unfreundlichem Flugpersonal und mies gelaunten Zoellern, ganz so wie man es erwartet.

Vor Ort sind die Menschen dafuer umso netter und es wird einem stets geholfen. Meine Sprachdefizite sind offensichtlich und so muss ich oft auf die Englisch- oder Deutschkenntnisse meines Gespraechspartners zurueckgreifen.

Das Wohnheim ist ... naja ... furchtbar. Die Hygiene ist unter unter unter aller Sau und zwei Duschen fuer etwa 30 Maenner ... brauche ich wohl nicht weiter zu kommentieren. Das Zimmer selbst ist in Ordnung. ALLES muss man jedoch selbst besitzen - Geschirr, Toepfe, sogar Klopapier. Internet werde ich dort wohl gegen hohe Gebuehren via WiFi bekommen koennen.

Eben kamen ein paar Jungs rein, die gehoert hatten, dass auch ein Deutscher im Wohnheim wohnt und wollten Fussball spielen und hinterher einen trinken. Schauten sich ganz schoen misstrauisch mein Zimmer an, das die gleiche Groesse hat wie ihres, in dem sie aber zu Sechst (!) hausen, waehrend ich ab morgen mit einem anderen Deutschen zusammen werden.

Soviel erstmal dazu... bald gibts ein paar Bilder