Montag, 26. Oktober 2009
Herbst?
Heute morgen -12°C, da ist der halbstündige Fußmarsch zur Uni in Sommerschuhen extrem unangenehm.
Jetzt nur noch -7°C
Mittwoch, 21. Oktober 2009
What's up?
Das Leben hat in den letzten 2 Wochen hier klar an Qualität gewonnen. Ganz oben auf der Verbesserungsliste: Eine schnelle Internetflatrate im Wohnheim! Damit wir beide stets online sein können, haben Rico und ich uns auch zwei Leitungen legen lassen, für jeweils 16 Euro/Monat. Bisher hatte nur ein Zimmer im Wohnheim Internet, nach uns ordern es jetzt noch bestimmt 10 mehr. Allerdings ordern diese nur eine Leitung für 5 Zimmerkameraden, was uns verwöhnten Deutschen nicht genug wäre. Geht doch nicht, dass man sich abwechseln muss in Skype, ICQ oder dem russischen StudiVZ/Facebook: Вконтакте J.
Vorher sah das an den Wochenenden regelmäßig so aus wie auf dem ersten Bild (wir Vier im Internetcafé) ... und die ganze Gruppe aller Austauschstudenten an unserer Uni (bevorteilend für die Popularität, dass wir so wenige sind)
Außerdem funktionieren die Waschbecken in unserer Küche wieder, das heißt, die Küche ist
wieder geöffnet. Auf dem etwa 80 Meter langen Gang befinden sich zwei Küchen, wenn eine davon defekt ist, dann ist das ein echter Nachteil. Unrealistisch wäre es allerdings, zu hoffen, dass die Becken fachgerecht repariert worden wären, den Wasserhahn zum Stoppen zu bringen ist nach wie vor unmöglich.
Leben in Russland ist, anders als erwartet, relativ kostspielig. Ich bin sicher, bei diesem Satz
sagen jetzt die Moskauer: „Du hast ja keine Ahnung, was das Leben hier kostet“ (nicht wahr, Jungs?). Um euch zu beruhigen: Ich weiß das zwar, hätte jedoch auch erwartet, dass es mich hinter dem Ural nicht so trifft. Abgesehen von den vielen Anschaffungen für die Wohnheimeinrichtung schlagen auch Lebensmittel ein Loch ins Portemonnaie, vorausgesetzt, man möchte nicht gänzlich auf Obst, Gemüse und Fleisch verzichten. Hinzukommt, dass man auch insgesamt nicht auf Lebensqualität verzichten möchte. So ist es wohl kein Wunder, dass
mich Barkeeper und Türsteher in einigen Clubs schon mit Handschlag begrüßen… Naja, mit Glatze und Pelzmantel hat man auch einen gewissen Wiedererkennungswert.
Zur Zeit planen wir einige Reisen (ein Dank hier insbesondere an Rico, der das Ganze hauptsächlich organisiert): Am 03. November fahren wir vier Deutsche mit einigen Freunden
zum Champions League Spiel Rubin Kazaan – FC Barcelona. 14 Stunden Party im Zug, 10 Stunden Sightseeing (oder Ausnüchtern), das Spiel, eine Nacht im Hotel, und wieder 14 Stunden zurück (höchstwahrscheinlich ohne Party J). Gegen Mitte November wollen wir, ebenfalls in
unserer 4-er Clique, Moskau und Irkutsk besuchen, wenn auch nur kurz, also maximal 2 Tage in Moskau und 5 in Irkutsk (dem erfahrenen „Risiko“-Spieler ist die Region sicher ein Begriff). Alternativ dazu Wladivostok am äußersten Ende Russlands, würde die Entfernung nach Deutschland mehr als Verdoppeln. Weiterhin möchten wir uns demnächst auch mal ein Auto leihen und ein wenig die Gegend erkunden, vielleicht sogar mal bis nach Kasachstan fahren.
Vorletztes Wochenende waren Rico und ich mit seinem Personalmanagementkurs auf einer Art „Groß-Datscha“. Wir waren nur eine Nacht dort, aber es war einfach der Hammer. Ich habe in Amerika nie eine Spring Break mitgemacht, aber es muss dem sehr nahe kommen. Wir hatten ein geiles Haus, ordentliches Grillfleisch, leckere Beilagen, ausreichend Alkohol und auch das Geschlechterverhältnis gefiel J. Essen an einem riesen Tisch, gefolgt von interessanten Spielen *räusper*, regelmäßigen Trinksprüchen, Billard, Tischtennis (ok, das wurde schwierig irgendwann) und nächtlichen Saunagängen. Und: Nein, wir wurden nicht unter den Tisch getrunken, im Gegenteil ;)
Die Temperaturen in Jekaterinburg sind, anders als erwartet, relativ mild. Fünf Tage nach dem ersten Schnee am Sonntag vor 10 Tagen waren es auf einmal wieder 12°C, gelegentlich kann man sogar mal kurz ohne Jacke aus dem Haus gehen. Aber vorsicht, nach ein wenig kaltem Wind von Norden kann es schnell empfindlich kühl werden.
In der Uni geht es mäßig voran. Folge ich den Vorlesungen aufmerksam (was nach einer halben Stunde wahnsinnig anstrengend werden kann), dann verstehe ich immerhin Thema und Inhalt, Mitschreiben ist unmöglich. Selbst Russen klagen manchmal über die Diktiergeschwindigkeit der Dozenten und da soll ich, der in Kyrillisch eh langsamer ist und nicht die Zeit hat, zu überlegen, wie denn die unbekannten Wörter geschrieben werden könnten, mithalten? Man soll es nämlich nicht glauben, aber selbst im vermeintlich fortschrittlichen Russland sind Beamer, Folien oder Skripte eine Seltenheit, kam in meinen Vorlesungen erst ein einziges Mal vor. So sehr das für mich ein Nachteil ist, so sehr ist es ein Vorteil für das Bildungssystem. Sind die Studenten zum Mitschreiben gezwungen, so sind sie wenigstens ruhig und stören nicht. Wir Deutschen lösen hier dieses Informationsdefizit, indem wir uns von einigen russischen Freunden, Kommilitonen oder Dozenten die Mitschriften geben lassen.
Hier wieder einige Impressionen der Stadt:
Der Einkaufswagenparkplatz im "Mega", sehr starke Erfindung, und die Bibliothek in der Uni
Culture 'n Stuff
Seit meiner letzten Rückmeldung aus dem westsibirischen Tiefland sind schon wieder drei Wochen vergangen. Mittlerweile schreitet die Zeit hier entschieden zu schnell voran. Kann mir nicht vorstellen, hier so schnell wieder weg zu wollen – eine Erfahrung, um die ich sehr dankbar bin. Wäre doch schade, wenn ich das Ende hier herbeisehnen würde. Das wäre ja so, als wenn man seinen Urlaub beenden wollen würde :)
Warum Urlaub? Trotz des vielen Lernens und der blöden Hausaufgaben fühle ich mich wie im Urlaub. Schon deswegen, weil ich so viel unternehme und manchmal eine gewisse Ernsthaftigkeit fehlt. Ich sage stets, dass ich mir vorstellen kann, hierher (nach Russland) zurückzukehren. Im Hinterkopf weiß ich aber auch, dass ich frühestens Ende Dezember, spätestens Anfang Februar erstmal nach Deutschland zurückkehren werde.
Jekaterinburg ist immer noch täglich ein neues Abenteuer, Spontaneität bestimmt den Alltag. Eine umfassende Wochenplanung ist hier einfach unmöglich, es ändert sich ständig was. Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich hier ernsthaft Stress hätte und auf Verlässlichkeit von z.B. Pünktlichkeit, Öffnungszeiten, Versprechungen, Bankautomaten oder Öffentlichem Nahverkehr angewiesen wäre. Das verlass ich mich doch lieber auf die nächste Damenbekanntschaft, die klappt wenigstens garantiert. ;)
An Veränderungen hat man sich als Deutscher gewöhnt. So putze ich mir jetzt nicht mehr die Nase in der Vorlesung, „das macht man hier einfach nicht“, wie mir meine Sitznachbarin unter den vorwurfsvollen Blicken von 50 anderen Studenten mitteilte (man zieht lieber ständig die Nase hoch und rotzt dann auf die Straße – kein Scherz). Ich werde auch nie wieder ausreichend Taschentücher vergessen, denn Klopapier gibt es, außer in guten Restaurants, nie (!). Und dass man Frauen nicht die Hand gibt und meist nicht mal grüßt, selbst wenn sie in der gleichen Gruppe stehen, haben auch unsere Deutschen Mädels mittlerweile akzeptiert. Ein kleines Zucken verspüre ich aber immer noch in der Hand … während meine Hand durch eine Gruppe von Freunden wandert, die Frauen jedoch überspringt.
Und was bringt einem das Alles? Manchmal Ärger … aber dann: eine neue Sichtweise und andere Wertschätzung von Vielem, was man sonst als selbstverständlich ansieht. Ihr glaubt gar nicht, wie man sich freuen kann, wenn man mal endlich einen Zehnerpack Taschentücher findet (und nicht alle einzeln kaufen muss), die Dusche direkt warm wird ohne starke Schwankungen oder das Brot mal nicht nach 2 Tagen schimmelt. Zugegeben: alles Kleinigkeiten. Aber darum geht es nicht… im Auslandssemester geht es meiner Definition nach darum, sich selbst zu entwickeln und das Blickfeld zu erweitern. Rauszukommen aus dem Deutschen Tunnelblick nach Zielstrebigkeit, Organisation, Kontrolle und sozialer Sicherheit. Das Leben hier ist definitiv geprägt von mehr Egozentrik, was mich auch manchmal stört. Wichtig ist es aber insgesamt, zu erkennen, DASS es etwas anderes gibt und woher es kommt. DASS einem manches nicht so wichtig ist, wie man es annahm. DASS die Akzeptanz von Neuem zwar eine Herausforderung, aber auch einen Gewinn darstellt. Der Gewinn, eine Situation, einen Menschen, ein Land oder die Geschichte einer Kultur (wie hier in Russland die Sowjetzeit oder der Wandel nach Perestrojka) besser verstehen zu können. Gut, dass ich richtig entschieden habe und hierher gekommen bin.
За Россию! И за зарубежный семестр!