Dienstag, 17. November 2009

Quarantäne

Nach der Rückkehr aus Kasan hat es hier in Jekaterinburg einige Tage lang geschneit, ca. 20-30cm. Durch die Kälte schmilzt das alles so schnell auch nicht weg und der Schnee fängt an, nervig zu werden. Dass ich das mal sage, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Tatsache ist jedoch, dass weder Straßen noch Gehwege geräumt oder gestreut werden, jedenfalls nicht außerhalb des Zentrums. Das führt dazu, dass ein Fußmarsch wesentlich anstrengender wird, schon deswegen, weil man sich die ganze Zeit stark konzentrieren muss, nicht hinzufliegen.

Außerdem hat das Wetter zur Folge, dass die Röcke der Frauen länger geworden sind – jetzt erreichen sie schon fast Knielänge, unfassbar, aber leider wahr :(

Vergangene Woche nahmen Britta, Rico und ich an einer Konferenz teil. Allgemeines Thema war die Globalisierung und mit ihr einhergehende Fragestellungen. Dazu sollten wir jeder ein Thema vorbereiten, einen Aufsatz auf Englisch schreiben und diesen dann anschließend auf Russisch kurz zusammenfassen. Ich nahm anfangs an, damit sei mein Soll erfüllt, bis ich dann davon erfuhr, das Thema auch in einer Präsentation vorstellen zu müssen. Also bastelte ich eine zusammen und übersetze zusammen mit einer Freundin. Mein Thema: „Потенциал стандартизации и количественных методов в глобализации мира“ oder auch „Das Potential von Standardisierung und Quantitativen Methoden in einer globalisierten Welt“ Meine Folien waren auf Russisch, meine Präsentation auf Englisch, angesichts des schwierigen Themas.

Bevor ich jetzt von der Konferenz selbst berichte, möchte ich noch kurz auf ein unglaubliches Ärgernis eingehen: Wir 3 Deutsche und ein chinesischer Professor waren pünktlich wie abgesprochen an der Uni, um von dort aus in einem Sammelbus weiterzufahren. Dieser war bedauerlicherweise schon weg. Aber es waren ja noch zwei Autos da, die insgesamt 9 Menschen zu befördern hatten, ein „Wolga“ und ein 5er BMW. Jetzt denke sich ein ausreichend kluger Mensch: „alles klar, einmal 4, einmal 5 Personen“. Aber nix da. Kann ja nicht sein, dass Verwaltungspersonal zusammen mit Studenten fährt. Also wurden die 3 Deutschen, der Chinese, eine Betreuerin zusammen mit dem Fahrer mit dem Wolga losgeschickt, während die feine Hochschulgesellschaft zu Dritt fuhr. Mal abgesehen davon, dass das Ganze bei den Witterungsverhältnissen und der Entfernung (150Km) ein Sicherheitsrisiko darstellt, ist es auch noch eine unglaubliche Unverschämtheit, die einzigen „Internationalen“, die an dieser „Internationalen Konferenz“ teilnehmen (und damit aufwerten), so zu behandeln. Wie sagte Medwedew noch vor einigen Tagen … Russland müsse aus seiner chronischen Rückständigkeit rauskommen … mit solchen Herrschaften wird das aber nichts.

Meine Präsentation selbst lief ganz gut, auch wenn kaum jemand verstand, von was ich sprach. Das merkte ich dann immer, wenn ich eine Frage in die Gruppe stellte und keine Antwort bekam. Naja, dank einer Menge Präsentations- und Redeerfahrung lasse ich mich davon nicht mehr beeindrucken. Im Anschluss an meine Präsentation folgte noch eine kleine Diskussion, dann auf Russisch. Zum Glück waren die meisten Fragen über mich und nicht über mein Thema, das ich auf Russisch sicherlich nicht annähernd erklären könnte.

In den letzten Tagen ist es still geworden, die Schweinegrippe hat auch den Ural voll im Griff. Fast alle Bewohner des Wohnheims sind ausgezogen, die Uni hat seit letztem Freitag für nun 2 Wochen geschlossen.

Damit ist das Leben etwas eintönig geworden und wir haben uns entschlossen, unser Reisevorhaben Richtung Osten nun doch zu realisieren. Zwar verringert das nicht die Ansteckungsgefahr, schafft aber etwas Abwechslung und bringt uns in eine Region, wo wir wohl nicht mehr hinreisen werden.

Die Reiseroute ist hier zu sehen…


Um Kosten zu sparen, fliegen wir über Moskau. In Irkutsk angekommen, geht es mit einem Kleinbus über teils Schotterpisten zu einer Insel, die durch ihre Natur wohl sehr reizvoll ist und eine Erfahrung sein soll. Drei Tage später reisen wir wieder zurück, um in Irkutsk selbst noch 3 Tage zu verbringen. Ursprünglich hatten wir dort hinten, am größten Wasserreservoir der Welt, dem Baikalsee, mit unter -25°C gerechnet. So wie es aber derzeit scheint, können wir leider nur mit -20° bis -10°C rechnen.

Die Rückreise wird identisch zur Hinreise, mit dem Unterschied, dass wir in Moskau noch 4 Tage bleiben werden.

Bis dahin, ich schreibe in zwei Wochen wieder!

Montag, 9. November 2009

Rubin Kazan vs. FC Barcelona oder „Zugsauna vs. Eisige Stadionkälte“

Vergangene Woche fuhren die Deutschen zusammen mit 5 anderen Freunden nach Kazan, um sich dort das Champions League Qualifikationsspiel des Lokalmatadors gegen den FC Barcelona anzuschauen. Wer nun vermutet, es handele sich um einen Tagesausflug, der irrt. Bereits Dienstagabend traten wir die Reise in einem Zug an, um erst Freitagnachmittag zurückzukommen. Die Fahrt geht über 900 Kilometer und zwei Zeitzonen (bzw. einer, aber der Unterschied beträgt zwei Stunden) und dauert zwischen 14 und 16 Stunden.


Wir hatten die 3. Klasse gebucht, was soviel bedeutet, dass man ohne eigenes Abteil in einem Wagon mit etwa 50 anderen Reisenden sitzt/schläft (siehe Bild). Durch die Erzählungen anderer Reisender im Vorfeld nahm ich an, dies würde mal wieder eine Erfahrung sein, die ich mir vor meinem ALS nur schwer hätte vorstellen können. Aber so schlimm war’s dann doch nicht… aber der Reihe nach.

Nach Beginn der Reise packten alle erstmal ihr mitgebrachtes Abendessen aus und es wurde gefuttert, was das Zeug hält. Rico und ich waren so dumm zu glauben, dass eine kleine Halbliterflasche Wodka als Mitbringsel reicht. Die anderen hatten Bier ohne Ende und unser Wodka war schnell leer … vielleicht besser so. Schnell wurde es im Zug sehr warm, um genau zu sein, 27°C. Generell scheint es mir, als bevorzugten Russen viel Wärme wann auch immer sie „drinnen“ sind.

Man sagt, dass man in diesen Zügen das echte Russland kennenlernen würde. Dass man dort leicht Menschen kennen lernen würde. Und dass dies eine tolle Erfahrung werde. Eine Erfahrung wurde es in der Tat. Denn direkt neben uns hatte sich eine Gruppe von Arbeitern breit gemacht, deren bester Freund der Wodka war. Demnach fühlte man sich auch leicht unwohl, vor allem unsere Mädels, die beim Durchlaufen des Ganges eigentlich jedesmal unsittlich berührt wurden (was auch am nächsten Morgen fast zu einer Schlägerei führte). Natürlich interessierten sich die Kerle (zumindest die, die nicht total daneben waren) auch für Deutschland. Mit zweien von ihnen führte ich ein längeres Gespräch über Deutsche Autos. Ich kam mir vor wie in einer anderen Welt – nachts, irgendwo in Russland in einem heruntergekommenen Zug spreche ich mit Betrunkenen darüber wie toll die Deutschen doch Autos bauen können. Der eine besaß einen Audi 100, der andere eine alten Mercedes 250D. Und sie hatten noch einen Freund, der habe wohl einen Opel Omega, alle Autos aus den frühen 90ern. Da würde nie was kaputtgehen und wenn doch, dann seien Ersatzteile leicht zu bekommen. Gerade in den Opel könne man irgendwie alles einbauen. Was ich denn für ein Auto habe? Ein Spanisches? Darüber machten sie sich dann lustig … das könnten sie nicht verstehen. Dass der „nur“ von 2003 ist, sei nicht besser. Ein Mercedes oder Audi aus den 90ern sei immer noch besser. Ja genau!

Kazan selbst ist eine schöne Stadt, das merkte man sofort. Dank des 1000. Geburtstages der Stadt vor drei Jahren wurde hier viel investiert.





Den Tag über verbrachten wir mit etwas Sightseeing, Essen und den Vorbereitungen für das Spiel am Abend. -10°C wurde es. Leider machte das wohl auch den Spielern zu schaffen, Tore fielen nämlich keine. Abgesehen davon war es nett, mal wieder im Stadium zu sein und russische Euphorie mitzuerleben (Video siehe unten). Die hat nämlich der Deutschen einiges voraus. Lag vielleicht auch daran, dass der 03. November auch eine Art Nationalfeiertag in Russland ist. (das letzte Bild zeigt die wahrscheinlich beste Chance Barcelonas - knapp am Tor vorbei, Ball ist hinter dem Tornetz zu sehen)






Nach der Nacht im Hotel (juhuu, sauberes Badezimmer mal wieder) erwartete ich dann ein Frühstück, was die 70Euro/Person/Nacht rechtfertigt. Ich wurde noch nie so enttäuscht :( Abends traten wir dann die Heimreise im Zug an. Diesmal waren die Nachbarn umgänglicher, dafür stanken sie. Bin nicht sicher, was mir lieber ist. Das Bild zeigt eine der letzten Haltestellen der Rückfahrt

Fazit: Die 2,5 Tage waren insgesamt eine tolle, und vor allem neue, Erfahrung. In Jekaterinburg kennt man jetzt doch schon alles, daher war es gut, mal „raus“ zu kommen. Schade, dass der Ausflug mit etwa 8000Rubel (Eintritt, Zug, Hotel, Verpflegung) unverhältnismäßig teuer war.

P.S. Habe gerade erfahren, dass ich zu meinem letzte Woche verfassten 7-Seiten Aufsatz auf Englisch noch eine Präsentation auf Englisch mit russischen Folien vorbereiten muss – Verdammt!